ARTIKEL · FORSCHUNGSREISE · FOLGE 9

Eine gute Stunde ist noch kein Alltag

Im Gespräch lässt sich eine schwierige Situation anders sehen. Ein Satz gelingt, der bisher nicht über die Lippen kam. Eine Entscheidung wird nachvollziehbarer. Das ist ein wirklicher Fortschritt in diesem Gespräch. Der Montag im Büro hat ihn allerdings noch nicht unterschrieben.

Beim Lernen unterscheidet man deshalb zwischen einer gelungenen Leistung während der Unterstützung und dem, was später unter anderen Bedingungen selbstständig verfügbar ist. Auch eine Aufgabe ohne Hilfe zeigt zunächst nur, was bei dieser Aufgabe zu diesem Zeitpunkt möglich war.

Für Coaching ergibt sich daraus eine Frage nach der Reichweite unserer Beobachtung. Was ist gerade gelungen? Welche Unterstützung war daran beteiligt? Und welche Veränderung möchte der Klient im Alltag überhaupt erreichen? Die Lernbefunde liefern dafür eine Denk- und Prüffrage, keinen direkten Nachweis für die Wirkung eines Coachingprozesses.

Ein vereinbarter Versuch außerhalb der Sitzung kann mehr zeigen als ein überzeugendes Gespräch über diesen Versuch. Trotzdem wäre auch ein gelungener Versuch noch keine Generalvollmacht. Vielleicht halfen die vertraute Person, ein günstiger Zeitpunkt oder ungewöhnlich viel Ruhe. Diese Bedingungen gehören zum Ergebnis, statt es nachträglich kleinerzureden.

Dabei muss Eigenständigkeit nicht heißen, auf jede Unterstützung zu verzichten. Wer eine Notiz, einen Gesprächsleitfaden oder ein anderes vereinbartes Hilfsmittel sinnvoll nutzen kann, zeigt etwas anderes als jemand, der ohne diese Stütze handelt. Beides kann dem Anliegen dienen. Wir sollten nur wissen, worüber wir sprechen.

Folge 9 der Serie „KI, die lernen lässt“ fragt, welche Beobachtung welchen Kompetenzclaim tragen kann. Für Coaching bleibt eine ebenso praktische wie anspruchsvolle Frage: Woran würden Klient und Coach erkennen, dass sich außerhalb dieser guten Stunde etwas verändert hat?

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